„Warten, weiter warten“ von Frank Drieschner

ZEIT-Artikel

DIE ZEIT, 1. September 2016

Kann man einen Stadtteil so unentschlossen, pedantisch und risikoscheu entwickeln, dass der Anfang vom Ende schließlich dem Ende vom Anfang zuvorkommt? Oder wäre das so verrückt, dass hinter einem jahrelangen Stillstand finstere Absichten stehen müssen?
Das Ende vom Anfang: Im Fall des Oberhafenquartiers wäre das der Umbau der alten Lagerhallen in dem ehemaligen Güterbahnhof am Rand der HafenCity und der Einzug jener Kreativunternehmen, die auf diesen Tag seit Jahren warten.
Der Anfang vom Ende: Das wäre der Abriss der ersten Hallen wegen Baufälligkeit und weil eine Sanierung sich angeblich nicht lohne.
Was nun wirklich zuerst kommt, entscheidet sich in den nächsten Tagen, denn wie oft, wenn Hamburg abreißen lässt, finden sich Denkmalschützer und Alternativkonzepte. So oder so, gemessen an den Hoffnungen, die das Oberhafenquartier bis vor wenigen Jahren begleitet haben, ist dies heute ein Ort des Scheiterns. Hier lässt sich besichtigen, wie Hamburg seine Substanz zerstört und seine kreative Klasse regelrecht vertreibt.
Hinter den Deichtorhallen über die alte Stahlgitterbrücke, dann links halten. Wer diesen Weg findet, betritt einen wunderbar skurrilen Ort. In den baufälligen Lagerhallen kann man nachmittags Mozart hören, vierhändig gespielt, oder zwischen alten Kulissen und Requisiten stöbern, morgens weht solider Rock aus einem Pop-up-Club, in dem sich einmal im Monat Raver zu Technomusik müde oder wach tanzen. Bei schönem Wetter trifft man auf junge Frauen und Fotografen, die mal für Mode werben und mal für sexuelle Dienstleistungen. Es kommt vor, dass man nichts ahnend seinen Arbeitsplatz in einer dieser Hallen verlässt und sich in einem Porno-Dreh wiederfindet.
Die Pornografen seien »wahnsinnig nett« gewesen, sagt der Designer Christoph Schmidt, dem das passiert ist.
Der Ort hat allerdings auch eine andere Seite. Wer sich auf dem Kopfsteinpflaster am Eingang des Quartiers in Richtung Stadt wendet, der sieht: die Deichtorhallen, die dem Abriss geweihten City-Hochhäuser, die Glaspaläste von ZDF und Spiegel, Speicherstadt und HafenCity. Woher der Wind auch weht, an diesem Ort riecht er nach Geld. Wahrscheinlich liegt es daran, dass nicht nur Verschwörungstheoretiker, sondern auch gestandene Experten für Bau und Stadtentwicklung sagen, hier im Oberhafen gehe es schon lange nicht mehr mit rechten Dingen zu.
Christoph Schmidt, der Designer, arbeitet seit gut fünf Jahren im Oberhafen. Er hat sich hier eine Zukunft vorgestellt und einige Zehntausend Euro investiert. Jetzt steht er vor dem Absprung in die USA, wo seine Freundin lebt.
Wie seltsam, denkt man. Ist der Mann nicht genau richtig hier, in diesem zukünftigen »Kreativquartier«? Läuft nicht seit Jahren ein Prozess der Stadtteilplanung und -entwicklung, gesteuert von der stadteigenen HafenCity GmbH und regelrecht kuratiert von der ebenfalls städtischen Kreativgesellschaft, um Leute wie ihn an diesen Ort zu locken?
Hamburg, die »Kreative Stadt« – das Motto einer gescheiterten schwarz-grünen Regierung war schon fast vergessen, als Schmidt sich Ende 2013 in einem sogenannten Interessenbekundungsverfahren darum bewarb, mit seiner Firma im Oberhafen bleiben zu dürfen, wenn hier dereinst die Kreativität ausbräche. Es war schon das zweite Auswahlverfahren für den künftigen Kreativstandort, eine aufwendige Prozedur mit hochkarätiger, international besetzter Jury. Schmidt gehörte zu den unglücklichen Gewinnern.
Er hat sich notiert, was seitdem geschehen ist: »Angestrebter Einzugstermin war August 2014. Verschoben auf Herbst/Winter 2014. Verschoben auf Frühling/Sommer 2015. Verschoben auf Sommer 2016. Verschoben auf Dezember 2016.«
Inzwischen ist Schmidt innerhalb des Oberhafens dreimal aus einem Provisorium ins nächste gezogen, jedes Mal transportiert ein teures Spezialunternehmen seine halbtonnenschwere CNC-Fräse. Kunden könne er nicht empfangen, sagt der Designer, wo er gerade untergebracht sei, sehe das Klo aus »wie in einer russischen Psychiatrie in den Sechzigern«. Und was das Kreativgeschäft betreffe, »ich fahre mit angezogener Handbremse«.
Auch der Einzugstermin Ende 2016 ist inzwischen überholt. Frühestens im Februar nächsten Jahres soll Schmidt seine Lagerhalle übernehmen – wenn er bis dahin nicht in die USA geflohen ist.
Thomas Mehlbeer, Kommunikationsprofi und Festivalleiter, hat weniger lange durchgehalten. Zusammen mit Freunden hat er sich ebenfalls 2013 um eine Halle bemüht. Hafenschick: Kunst, Kultur und Gastronomie, das war die Idee, die Gruppe hatte ein ausgefeiltes Konzept. Nach dem Wettbewerb, sagt Mehlbeer, sei ein Dreivierteljahr bis zu einer ersten Reaktion vergangen: Man könne leider noch nichts entscheiden. »Nach fast einem Jahr ohne Fortschritt war niemand aus unserer Gruppe auch nur noch im Entferntesten daran interessiert, dort etwas umzusetzen. Sämtliche unternehmerische Energie war dahin, und alle Mitstreiter haben sich anderen Projekten gewidmet.«
Ähnlich erging es den Werbefilmern von Erste Liebe. Erste Liebe ist ein erfolgreiches, etabliertes Label, das sich mit einem Studiolabor im Oberhafen gegen das übermächtige Berlin stemmen wollte. Der Geschäftsführer Fabian Heine erinnert sich noch, mit welcher Begeisterung er im Hafenviertel begrüßt wurde. Er hatte nur eine Halle besichtigen wollen, »dann standen da sieben Vertreter von HafenCity, Immobilienverwaltung und Kreativgesellschaft, und alle wollten mich kennenlernen«.
Damals, 2011, schien es aufwärtszugehen mit dem Kreativstandort. Heine hat noch eine Rede des gerade neu gewählten Bürgermeisters Olaf Scholz im Ohr: wie wichtig es sei, die Kreativwirtschaft in Hamburg zu halten. Wenig später veranstaltete der Art Directors Club, ein Eliteverein der Werbewirtschaft, sein renommiertes Festival im Oberhafen, mit einer Ausstellung in alten Bahnwaggons auf stillgelegten Gleisen unter dem Dach einer alten Bahnhofshalle – Heine fand das »ein tolles Signal in Richtung Berlin«. Berlin, die Stadt der leeren Fabrikhallen, der verlassenen Hinterhöfe, endlich konnte Hamburg mithalten.
Seither geschah praktisch nichts mehr. Seit Januar 2016 unterhält Erste Liebe eine Dependance in Berlin. Die Firma zieht dem Nachwuchs hinterher, den sie gerne in Hamburg gehalten hätte.
Muss Kreativität so zäh sein? Giselher Schultz-Berndt, Geschäftsführer der zuständigen HafenCity GmbH, findet die eigene Vorgehensweise auch im Rückblick völlig angemessen. »Die testweise Ausschreibung, das Interessenbekundungsverfahren, die frühzeitige Nutzerauswahl, Sanierungsplanungen, die die Nutzervorstellungen berücksichtigen: All das braucht natürlich Zeit.«
Eine »testweise Ausschreibung« – auf eine solche Idee muss man erst einmal kommen. Seit der testweisen Ausschreibung einer einzelnen Halle im Jahr 2011 kämpft die »Hanseatische Materialverwaltung« im Oberhafen ums Überleben, ein sehenswerter Requisitenverleih mit angeschlossenem Dauerflohmarkt, der seine Exponate ständig neu aus Film- und Theaterproduktionen bezieht. Die Halle ist eine Aufforderung zum Schauen, Riechen, Tasten und Staunen, eine geniale Geschäftsidee – die mehr schlecht als recht funktioniert, weil das Unternehmen Laufkundschaft braucht und darum attraktive Nachbarn in den Hallen nebenan. Die HafenCity aber beschloss, mit der Quartiersentwicklung erst einmal Pause zu machen.
Auch Schultz-Berndts »Sanierungsplanungen, die die Nutzervorstellungen berücksichtigen«, haben es in sich. 2014, nach dem zweiten »Interessenbekundungsverfahren«, fragte man die Bewerber, ob sie sich in ihren anzumietenden Hallen mehr als eine Grundsanierung wünschten. Antwort von allen: Nein danke. Der Designer Christoph Schmidt erinnert sich noch an die Frage, ob er in seiner Halle Licht brauche – ohne installierte Beleuchtung könne man die Miete etwas senken. Um wie viel, wollte Schmidt wissen – und bekam nie eine Antwort. So gingen die Jahre ins Land.
»Zu Tode moderieren«, »am langen Arm verhungern lassen«, »wie eine Nacktschnecke in Zeitlupe« – so beschreiben andere Nutzer den Umgang der HafenCity mit den Kreativ-Start-ups. Geht das nicht schneller? Philippe Cabane, Hochschullehrer, Städtebauer und Raumplaner aus Basel, ist Experte für die Entwicklung sogenannter Kreativquartiere. In Basel hat er selbst in einem ehemaligen Güterbahnhof das nt*/areal initiiert. »Nach drei Monaten hatten wir die Leute beieinander«, erinnert er sich, nach weiteren sechs Monaten sei das letzte Projekt eingezogen.
In Hamburg war Cabane Mitglied jener Jury, die 2013 im zweiten Interessenbekundungsverfahren die Geschäftsideen auswählen sollte. »Ich war ein bisschen überrascht«, sagt er im Rückblick. »Es war nicht klar, was und wie man es machen würde«, es habe keine exakten Vorgaben gegeben, manche Bewerber hätten zehn Seiten geschrieben, andere sechzig. »Das war kaum beurteilbar.«
Am Ende leistete die Jury bloß eine Vorarbeit für ein zähes, quälendes Auswahlverfahren, das Ende 2014 in einen Bauantrag und Anfang 2016 in eine Baugenehmigung für eine ziemlich triviale Minimalsanierung der alten Hallen mündete. Wie zum Hohn für die Überlebenden der Prozedur zogen zwischenzeitlich aus Gründen, die HafenCity-Geschäftsführer Schultz-Berndt »übergeordnete Erwägungen« nennt, einige Initiativen aus dem Gängeviertel in den Oberhafen, ganz ohne Bewerbungsverfahren. »Nach Gutdünken« sei das gegangen, sagt der Designer Christoph Schmidt.
Immerhin: Der endlich genehmigte Bauantrag hätte, mit jahrelanger Verzögerung, der Auftakt zur Gründung des lang ersehnten Kreativquartiers werden können. Petra Sommer von der Hanseatischen Materialverwaltung ist trotz des langen Wartens zuversichtlich. »Das wird eine gute Mischung hier«, glaubt sie. »Nicht nur Kunst und Hutschiputschi, auch Handwerk und Sport.« Die Kreativgesellschaft habe »ihren Job gut gemacht«.
Das Ende vom Anfang? Nein, der Anfang vom Ende. Mit der Baugenehmigung kam die Erlaubnis, das weitaus spektakulärste Gebäude des ganzen Ensembles kurzerhand abzureißen. Ausgerechnet die alte Gleishalle, die noch vor wenigen Jahren die Attraktion des Art Directors Club war, soll plötzlich weg. Seither fragen sich die Kreativunternehmer in spe, ob die amtsschimmelige Pedanterie, unter der sie seit Jahren leiden, am Ende womöglich einer bösen Absicht dient.
Warum soll die Halle weg? Angeblich aus Brandschutzgründen.
Die Brandschutzexpertin Christine Hahn ist seit 30 Jahren in der Branche, eine Autorität weit über Hamburg hinaus. »Die Halle muss nicht abgerissen und auch nicht wesentlich ertüchtigt werden«, sagt sie. »Die haben einfach das Ziel verfolgt, sie abzureißen, und haben den Brandschutz vorgeschoben. Das wird häufig so gemacht.«
Christine Hahn arbeitet in der Initiative Oberhafen mit und glaubt nicht an die guten Absichten der Planer. »Unsere starke Vermutung ist, dass das Ganze abgerissen und in zwanzig Jahren entsprechend der HafenCity aufgebaut werden soll.«
Wird aus dem Kreativquartier nichts, weil nie etwas daraus werden sollte? Aus dem Mund einer Fachplanerin, die ständig mit den Größen der Bauwirtschaft spricht, ist das schon etwas mehr als nur eine Verschwörungstheorie. Das Areal ist Milliarden wert, und die Kleinen der Kreativbranche sind im Immobilienhamburg des Jahres 2016 vielleicht auch nicht mehr ganz so wichtig, wie sie in den Krisenjahren um 2009 zu sein schienen.
Kreativunternehmern, die schon im Oberhafen sind, fallen zu dieser Frage ihre Mietverträge ein, in denen es heißt, sie dürften gegen eine Kündigung nicht klagen. Viele würden für den Umbau ihrer Hallen eigenes Geld in die Hand nehmen, wenn sie dafür eine verbindliche Zusage bekämen, wie lange sie bleiben dürften. »Fünf Jahre wäre toll, drei wären super, auch eines wäre schon besser als das, was wir derzeit in Aussicht gestellt bekommen haben«, sagt Markus Mross vom Gängeviertel-Verein, der mit Freunden den Club Moloch betreibt.
Nicht alle im Oberhafen glauben an die Verschwörungstheorie, auch ein gewöhnlich gut informierter Planer widerspricht. Zum Verzweifeln ist die Lage so oder so. Bis Freitag dieser Woche soll die Initiative um Christine Hahn ihre Pläne und Finanzierungsideen für den Erhalt der Gleishalle vorlegen. Wenn es der HafenCity GmbH so gefällt, bleibt dann die Halle doch erhalten – zu einem hohen Preis. Die meisten Kreativ-Start-ups, die nun schon viel zu lange warten, müssten sich weitere eineinhalb Jahre gedulden.