„Hamburger Dach“ von Till Briegleb

30_7_2016Sueddeutsche

SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, 30. Juli 2016

Kreativität ist die Fähigkeit, Unterschiede zu generieren. Doch ausgerechnet bei gewachsenen Kreativquartieren fühlen Planer sich extrem provoziert, diese genauso aussehen zu lassen wie alles andere. Zum Beispiel wie die HafenCity.
Das putzsaubere Neubaugebiet auf Hamburgs Kai-Anlagen besitzt noch einen winzigen Rest alten Hafenambientes, und das auch nur, weil die Schuppen auf einer schmalen Linse zwischen Ferngleisen und Fleet liegen, für die sich kein Investor erwärmt.
Zähneknirschend wurden die alten Verladebauwerke, deren bunt besprühte Fassaden bei der Einfahrt in den Hauptbahnhof unübersehbar sind, 2011 zum Kreativstandort erklärt. Und diese fehlendeWertschätzung für Mieter, die für ihre
Kreativität weder Sichtbeton noch Feinkosttheken benötigen, sondern gerne in spröder Industriearchitektur zwischen Löwenzahn und rostigen Signalmasten arbeiten, zeigte sich schnell durch ästhetische Säuberungsmaßnahmen.
Ein alter Bahnviadukt wurde ersetzt durch eine tote Betonwand, die identitätsstiftenden Gleise, die durch das Gelände führten, ließ die HafenCity-Gesellschaft ohne Not herausreißen. Und jetzt möchte die Eigentümerin noch das quartiersprägende Bauwerk zerstören, damit auch dieser Ort endlich schmuck im Sinne solventer „Kreativ“-Firmen wird. Das weit gespannte Dach des einstigen Verladebahnhofs, unter dem bisher Ausstellungen, Märkte, Kino- und Theateraufführungen stattfanden, ist zum Abriss bestimmt.
Nun hat sich eine „Dach“-Organisation der Nutzer gegen diesen Staatsvandalismus gebildet und konnte die weitere Entseelung zumindest verzögern – wenn auch nur zur „Prüfung“ der „Baufälligkeit“ der Dachstruktur, die nach Untersuchung unabhängiger Architekten völlig intakt ist. Mit diesem klassischen Vorschubargument sollte bereits 2008 das „Gängeviertel“ abgerissen werden, als alternativ sanierte Künstlerkolonie heute ein Vorzeigeprojekt für kluge Stadtentwicklung.
Jetzt besteht die Chance, der Schönheit des Verfalls und der historischen Spuren sowie der Freundlichkeit von Kreativen, die nicht nur an Gewinn denken, mit der Rettung des Bahnhofs ein weiteres Denkmal zu setzen: als Monument des kreativen Unterschieds.